GELEBTE TRADITION IN SURREY
VON KAI DAUBE
Die englische Senior Golfers Society (SGS) wurde 1926 ins Leben gerufen – inspiriert durch einen Freundschaftsbesuch von Mitgliedern der US-amerikanischen und kanadischen Senioren-golfverbände. Heute zählt sie über 1.000 Mitglieder in mehr als 100 Golfclubs in ganz Großbritannien. In Anlehnung an die SGS gründete sich 1956 die GSG in Deutschland. Beide Gesellschaften haben ein gemeinsames Leitbild: Wettkämpfe unter den eigenen Mitgliedern, nationale wie internationale Vergleiche mit anderen Seniorengesellschaften sowie Begegnungen mit Mannschaften anderer Golfclubs.
Tradition trifft Tradition
Seit mehr als 21 Jahren verbindet die GSG und die SGS eine gelebte Freundschaft. Der Ländervergleich findet alle zwei Jahre abwechselnd auf der Insel oder auf dem Kontinent statt. Seit 2005 trafen sich die Teams nun zum elften Mal, um den Siegerpokal auszuspielen. Jedes Land stellt zwölf Spieler, die im Netto-Matchplay gegeneinander antreten. Mitreisende Damen sind herzlich willkommen – auch sie haben täglich die Möglichkeit, Matches gegen englische Damenteams zu bestreiten.
Der Spielmodus variiert je nach Austragungsort, da die Gastgeber die Spielform selbst bestimmen. Die Engländer bevorzugen das Foursome Matchplay (Klassischer Vierer), die Deutschen hingegen das Fourball Matchplay (Vierball-Bestball). Zwei unterschiedliche Philosophien, die es zu akzeptieren gilt – über eine Vereinheitlichung des Formats wird dennoch nachgedacht.
Das Jahr 2026 brachte auf englischer Seite einen Wechsel: Patrick Fossett, seit 2013 Kapitän der SGS, wurde von Colonel JRC Saville abgelöst. Der neue Kapitän versteht seine Rolle umfassend – er fungiert nicht nur als Anführer seiner Mannschaft, sondern auch als Tour Manager für die GSG-Spieler. Auf deutscher Seite übergab Gert Schroeder-Finckh, Kapitän seit 2015, das Amt an GSG-Präsident Kai Daube.



Vier „W-Golfplätze“ in Surrey
Die diesjährigen Austragungsorte lagen im Herzen von Südengland. Die Region Surrey, südwestlich von London, beherbergt vier der renommiertesten Heideplätze Englands – allesamt in den Top 100 des Landes gerankt. Der klassische West Hill Golf Club, der hoch angesehene West Sussex Golf Club, der traditionsreiche Ryder-Cup-Kurs Walton Heath sowie der elegante Worplesdon Golf Club bildeten den Rahmen für eine außergewöhnliche Turnierwoche. Was alle vier verbindet: die typische englische Heidelandschaft mit Heidekraut, Kiefern und sandigem Untergrund.
Alle vier Anlagen wurden um die Jahrhundertwende gegründet und stehen für höchste spielerische Qualität. Anders als viele moderne Plätze fordern sie nicht in erster Linie Länge, sondern strategisches Denken, präzise Schläge und ein feinfühliges Kurzspiel. Eine besondere Stellung nimmt Walton Heath (Old Course) ein: Als ehemaliger Ryder-Cup-Platz – Bernhard Langer bestritt hier 1981 seinen ersten Ryder-Cup-Einsatz – und Schauplatz bedeutender Meisterschaften genießt der Kurs einen herausragenden Ruf und gilt als einer der großen Klassiker des englischen Golfsports. Offene Heideflächen, Wind und anspruchsvolle Grüns verlangen bei wechselhaften Bedingungen nahezu das gesamte Repertoire eines Golfspielers.
Als zentralen Standort wählte Tour Manager John die charmante Stadt Guildford – Kreisstadt von Surrey – und das komfortable Harbour Hotel. Die täglichen Fahrten mit dem Tourbus zu den verschiedenen Plätzen dauerten zwischen 30 und 60 Minuten. Leider blieb kaum Zeit für die Erkundung der historischen Altstadt, der traditionellen Restaurants und des 1066 erbauten Guildford Castle. Auch von den Flughäfen Heathrow und Gatwick ist das Hotel in unter einer Stunde erreichbar.






Anreise-Widrigkeiten
Die Mitglieder der Senior Golfers Society empfingen das deutsche Team am Anreisetag zu einem geselligen Barbecue im Hotel. Doch der Abend verlief nicht ohne Wermutstropfen: Vier GSG-Spieler aus dem Frankfurter Raum fehlten. Eine schwere Gewitterfront über dem Frankfurter Flughafen zwang die Behörden zur stundenlangen Sperrung des Airports – mit weitreichenden Folgen. Thomas Pfeifer, Martin Knodt, Markus Hauptmann und Gutmann Habig saßen bereits im Flugzeug auf dem Rollfeld, als sie aussteigen und sich inmitten des Chaos um Alternativflüge bemühen mussten.
Umbuchungen für denselben Abend erwiesen sich als unmöglich. Mit erheblichem Aufwand konnten schließlich Ersatzflüge organisiert werden. Thomas Pfeifer traf das Pech jedoch doppelt: Nicht nur er selbst kam erst Montagabend in Guildford an – sein Golfgepäck war auf den falschen Flug verladen worden. So mussten die vor Ort angekommenen Spieler das üppige Barbecue-Büfett zunächst unter sich genießen. Bei guter Stimmung und erfrischenden Getränken wurden alte Freundschaften aufgefrischt und neue geknüpft. Doch das deutsche Team ließ sich von den Widrigkeiten nicht aus der Ruhe bringen – und startete dennoch selbstbewusst in den Ländervergleich.



„Liquid warm-up“
Am ersten Spieltag trafen sich die Spieler um 11.30 Uhr im West Hill Golf Club zum Wettspiel gegen die Clubmannschaft. Da die vier Frankfurter Spieler noch immer fehlten, konnte Deutschland lediglich mit vier Herren-Paarungen und einem Damenteam antreten. Bevor es auf den Platz ging, fand sich die Runde zunächst an der Bar zu einem „liquid warm-up“ zusammen, dem ein ausgiebiges Drei-Gänge-Mittagessen mit Weinbegleitung folgte – eine Spielvorbereitung, die sich spürbar von der deutschen Gepflogenheit, vor dem Abschlag die Driving Range aufzusuchen, unterscheidet.
Nigel Douglas vom Golf Club West Hill begrüßte die Gäste als Gastgeber des Tages förmlich, gefolgt von einer Ansprache des Herrenkapitäns Dave Andrews. Das deutsche Team musste sich erst an die tückischen Herausforderungen des Heideplatzes gewöhnen: Ein Ball im Heidekraut bedeutete meist einen unmittelbaren Schlagverlust. Am Ende fehlten nicht nur vier Spieler, sondern auch ein halber Punkt zum Sieg. Mit 2,5:1,5 ging die Heimmannschaft in Führung. Das Positive einer Niederlage liegt im Lerneffekt – und dieser sollte sich am nächsten Tag als gutes Omen erweisen.
Den Abend beschloss ein schönes italienisches Restaurant im Stadtzentrum von Guildford. Rechtzeitig zur Bestellung trafen drei der vier noch fehlenden Spieler ein. Kulinarische Diskussionen über mögliche Auswirkungen bestimmter Nudelgerichte auf den Blutzuckerspiegel konnten die Bestellentscheidungen der Runde nicht erschüttern. Die Stimmung war ausgelassen. Bei Wein und Bier wurden die Vorbereitungen für den großen Spieltag in West Sussex getroffen.
Am zweiten Spieltag versammelten sich alle um 11.45 Uhr im Golf Club West Sussex – Platz 11 der Top-100-Rangliste – zum Wettkampf gegen die SGS-Mannschaft. In buchstäblich letzter Minute traf auch der letzte Spieler, Markus Hauptmann, ein. Eine kleine Taxi-Irrfahrt vom Flughafen Heathrow hatte seinen Adrenalinspiegel kurzfristig in die Höhe getrieben – sein Fahrer hatte ihn fälschlicher Weise zum Platz des Vortags gefahren statt ins Hotel.



Einsatz mit Leihsatz
Die Situation um Thomas Pfeifers Ausrüstung blieb angespannt: Golfschuhe und Schläger waren noch immer nicht eingetroffen. Kai Daube half mit der passenden Schuhgröße aus und Tour Manager John organisierte einen Leihsatz Schläger – für einen 1,95-Meter-Mann naturgemäß keine optimale Passform. Doch einen erfahrenen Turnierspieler bringt dergleichen nicht aus der Fassung. Auch nicht alle SGS-Spieler – aus ganz England zusammengestellt – kannten den Platz in West Sussex. Dieser fehlende Heimvorteil egalisierte die Siegeschancen beider Mannschaften.
Angesetzt war ein 18-Loch-Foursome-Matchplay mit voller Vorgabe. Als wäre die Kumulation aus Flugverspätungen, fehlendem Equipment und einem dann durchnässten Spieltag noch nicht genug, unterlief Tour Manager John zudem ein Fehler bei der Erstellung der Teampaarungen – die von Kapitän Kai Daube gemeldeten Teams wurden von John nicht verwendet. Auch diese Hürde nahm das deutsche Team gelassen.
Der beim Mittagessen einsetzende Starkregen hörte pünktlich zur ersten Startzeit um 13.30 Uhr auf. Alle Flights konnten starten, wenngleich ein zurückkehrendes Gewitter das Spiel für rund eine Stunde unterbrach. Nach Abzug der Unwetterzelle wurde der Wettkampf fortgesetzt und von allen Gruppen noch vor Einbruch der Dunkelheit beendet.
Die Niederlage vom Vortag hatte das Team „angestachelt“: Trotz aller Widrigkeiten fuhr die GSG einen sensationellen 4,5:1,5-Sieg ein. Die SGS-Spieler zeigten sich von der Dominanz des deutschen Teams durchaus überrascht, gönnten den Gästen den Sieg jedoch mit sportlicher Fairness. Da die Planung keine offizielle Pokalübergabe beim Dinner vorgesehen hatte, endete der Abend traditionell mit einem förmlichen Dinner in Jacket und Tie, vorzüglichem Essen und feierlichen Reden im Clubhaus.
Angesichts der Tatsache, dass die drei Begegnungen in den Vorjahren allesamt an die englischen Freunde gegangen waren, war es höchste Zeit, das Gesamtbild zu korrigieren: Der Zwischenstand hatte sich auf 6:4 zugunsten der SGS verkürzt – nach zuvor sechs SGS-Siegen, drei GSG-Siegen und einem Unentschieden. Ein gelungener Einstand für den neuen Kapitän, der allerdings aus Höflichkeit gegenüber den Gastgebern sein eigenes Match verloren haben soll.
Am dritten Spieltag stand das Clubwettspiel im Walton Heath Golf Club auf dem Programm. Der ehemalige Ryder-Cup-Platz, gegründet 1903, zog alle Mitglieder der GSG in seinen Bann. Die altehrwürdigen Clubräume mit ihren Pokaltrophäen, Ryder-Cup-Memorabilia und internationalen Erinnerungsstücken hinterließen einen tiefen Eindruck. Nach einem vorzüglichen Formal Lunch bereiteten sich die Spieler in den traditionsreichen Umkleideräumen auf das Match gegen das englische Team vor. Der Old Course hatte für diesen Tag jedoch Wind und Regen im Gepäck – auf einem Heathland-Links-Course unter solchen Bedingungen gegen Platzkenner zu bestehen, ist keine leichte Aufgabe. Mit 4:3 musste man sich letztlich geschlagen geben.



England siegt mit letzten Putt
Am letzten Spieltag beschloss der elegante Golf Club Worplesdon die Turnierwoche. 2024 zum Great Britain & Ireland Golf Course of the Year gekürt, empfing der Platz die Gäste standesgemäß mit liquid warm-up an der Bar und einem ausgiebigen informellen Drei-Gänge-Mittagessen. Das Vierer-Bestball-Matchplay wurde auf dramatische Weise entschieden: am letzten Loch, im letzten Flight, mit dem letzten Putt – zugunsten der Gastgeber. Knapper kann man eine Begegnung kaum verlieren.
Beim abschließenden Dinner wurden die Eindrücke der Woche in lebhaften Gesprächen ausgetauscht, neue Freundschaften besiegelt und die Errungenschaften der vergangenen Tage gewürdigt. Feierliche Ansprachen beider Kapitäne und die offizielle Übergabe des Pokals rundeten eine erfolgreiche Woche ab. Zurück im Hotel traf sich das GSG-Team noch einmal zu einer abschließenden Runde an der Bar, um gemeinsam auf den Sieg anzustoßen. Mit vielen positiven Eindrücken im Gepäck und dem einen gemeinsamen Wunsch, beim nächsten Zusammentreffen mit den englischen Freunden erneut die ins Team berufen zu werden, ging es auf die Heimreise.
Zum Abschluss der ereignisreichen Woche ein Zitat des Past Captains Patrick Fossett:
„Ergebnisse werden schnell vergessen. Was bleibt, ist unsere Freundschaft.“
